Bring your own WC-Papier – Spielt die Medienbranche verrückt oder ist das die Zukunft?

16. Juli 2013 — 14 Kommentare

Zuerst: Ich bin ein Fan der Kultur „Bring your own Device“. Sowohl in meiner Zeit als Unternehmensberater konnte ich jeweils alle zwei Jahre ein neues Notebook, Smartphone und Tablet über meine geschäftliche Kreditkarte beziehen als auch während meiner NGO-Zeit hatte ich Anrecht auf eine jährliche Pauschale für meine selbstmitgebrachten technischen Gadgets. Die einzige Bedingung war jeweils: Sämtliche Dokumente sind in der Cloud. Denn das Wertvolle waren jeweils die Daten und nicht die Maschinen. Anders nun in der Medienbranche. Das Wertvolle sind die Maschinen. Beispielsweise klotzt Tamedia laut einem Interview mit Hansi Voigt mit exzellenten Laptops, für welche monatlich 540 CHF bzw. jährlich 6’480 CHF verrechnet werden. Naja, diese Laptops sind teuer, jedoch sind auch sämtliche SchnickSchnack-Softwares & IT-Support inklusive. Tablets werden grundsätzlich nicht bezahlt, auch wenn man in einzelnen Funktionen zwingend einen besitzen muss, weil es vom Vorgesetzten immer mal wieder heisst: Schau dir diese und jene Applications auf deinem Tablet an. So weit, so gut. Alles mehr oder weniger in Ordnung. Damit kann man leben.

Doch heute Abend hat mir ein Mitarbeiter eines erfolgreichen Medienunternehmens in der Schweiz mir doch tatsächlich folgende Geschichte erzählt. Der enorme Spardruck sei nun so gross, dass man nun aktiv freiwillige Mitarbeitende sucht, welche auf einen geschäftlichen Computer verzichten. Man solle doch einfach private Laptops ins Büro mitnehmen, weil die einerseits sowieso besser seien als die vom Unternehmen zur Verfügung gestellten Maschinen und andererseits natürlich fürs Unternehmen nichts kosten und somit ca. 6’500 CHF jährlich pro Arbeitsplatz eingespart werden kann. Selbstverständlich werden die privaten Laptops nicht entschädigt bzw. es benötigt meistens noch private Investitionen in Software, damit diese privaten Computer mit dem Firmen-Netzwerk kompatibel sind.

Mein Kommentar: Gats no! Ich selbst würde mich als überdurchschnittlich sparsam mit geschäftlichen Ressourcen einschätzen. So fahre ich seit 2013 freiwillig jeweils in der 2. Klasse Zug, versuche wenn möglichst keine Spesen zu verursachen und meine Kollegen wissen, dass ich mich jemals am iPhone äussert kurz halte, um jeden möglichen Rappen an geschäftlichen Telefonkosten einzusparen. Doch wenn mein Arbeitgeber mir zwingend benötigtes Arbeitsmaterial wegnehmen würde, könnte ich das auf keinen Fall akzeptieren. Es stellt sich die Frage: Wo führt das noch hin? Heisst es bald: Bring your own WC-Papier?

byod

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14 Antworten zu Bring your own WC-Papier – Spielt die Medienbranche verrückt oder ist das die Zukunft?

  1. 

    Wann wird den HERREN in der Teppichetage empfohlen, ihre Gattinnen / Partnerinnen / Freundinnen mit ins Büro bringen, um Reinigungskräfte einzusparen ? Unkostengewinn p.a. ??

  2. 

    Man hat ausgeschlafen und ausgesch….. zur Arbeit zu erscheinen 😉 Dann benötigt auch keiner sein eigenes Klo-Papier. [/ironie]

  3. 

    So ist das in der freien Wirtschaft. Auf einer Redaktion mussten wir uns sogar wehren, damit die Kugelschreiber (!) neu vom Unternehmen bezahlt wurden… Und irgendwann wird den Journis dann applaudiert. Von den Aktionären. Dafür, dass das Unternehmen so viel Gewinn gemacht hat, eine grosszügige Dividende auszahlen kann und man nicht so gierig war und man loyal auf Bonus und Gehaltserhöhung verzichtet hat. Schön, dieser Applaus.

  4. 

    Sicherheitstechnisch natürlich eine Katastrophe. Wer ist haftbar wenn man mit seinem Privatgerät einen Virus einschleppt, oder eine Sicherheitslücke aufmacht? Steht man dann ohne Firmendeckung da, ja wird sogar von dieser dafür verklagt oder entlassen? Was ist mit Sicherungen? Wenn was schief geht, ist man dann selbst der Schuldige, weil der Arbeitgeber sich den Fileserver einsparen wollte? etc. pp.

  5. 

    „Wo führt das noch hin? Heisst es bald: Bring your own WC-Papier?“

    Wie lustig. Die Antwort: nein, dazu wird es nicht „bald“ führen.
    Bessere Frage: Wo führen irreführende Schlagzeilen hin? Zu schlechten Blogs und unzufriedenen Lesern.

  6. 

    Man kann sich über das Ansinnen aufregen, man kann das aber auch gelassener sehen.
    Denn: Was ist daran eigentlich so schlimm?

    In vielen Branchen, in denen es um qualifizierte Arbeit geht, gehört eigenes Werkzeug zu den Tugenden und ist eine (manchmal sogar energisch verteidigte) Selbstverständlichkeit. Angefangen von Handwerkern (Friseuren, Schlachtern, Dachdeckern) bis hin zu Architekten, Ingenieuren und IT-lern: Niemand würde wenn es irgendwie geht auf eigene Ausrüstung und Werkzeuge verzichten und ausschließlich auf firmeneigene „Hardware“ angewiesen sein.

    In ihrem Beispiel geht es um freiwilligen Verzicht auf Firmen-Computer zugunsten von privaten Geräten – ich kenne eine Menge Leute, die sich das ausdrücklich wünschen würden und lediglich aus Geheimhaltungs- und Sicherheitsgründen nicht dürfen.

    Die Bereitstellung von Hardware/Werkzeugen durch den Arbeitgeber macht doch stets nur Sinn, wenn es sich entweder um so teure Anschaffungen oder so spezialisierte Anwendungen handelt, dass es für Beschäftigte unzumutbar wäre. So galt dies früher für jede Art von Kommunikations- und Datenverarbeitungsgeräten. Diese Zeiten sind doch aber lange vorbei und ein Laptop ist mittlerweile deutlich preiswerter als das eigene Messerset eines beliebigen Restaurantkochs.

    Daher könnte man bei diesem Thema meines Erachtens gut und gerne mal die Kirche im Dorf lassen, junge Berufsangehörige als Digital Natives würden sich vermutlich sogar eher weigern die immer bei Einführung schon veraltelte, genormte und unbewegliche Computerausstattung heutiger Praxis in den Redaktionen zu benutzen. sobald sie irgendeine Alternative sehen.

  7. 

    Nein, die nächste Stufe ist dann irgendwann: „Bring your own salary“.

    Und eine größere Milchmädchenrechnung als bei BYOD habe ich auch selten gesehen. Die reinen Hardwarekosten auf der Clientseite sind in großen Netzwerken normalerweise der geringste Punkt. Die Infrastruktur wird nicht weniger, wenn man nun sein eigenes Notebook mitbringt und soll der Support seitens der IT nun etwa einfach komplett abgeschafft werden? Und wenn mal irgendwas nicht so funktioniert, wie es soll?
    Frohes Nichtarbeiten wünsche ich da schon mal.

  8. 

    Wow, seit 2013 fährt der Herr nur noch 2. Klasse. Schön, das tun viele Arbeitnehmer und auch viele Manager seit Jahren, weil deren Firma schon früher aufgewacht ist.
    Bring your own WC-Paper? Tolle Schlagzeile, die mal wieder fast nichts mit dem Text zu tun hat. Aber das kennt man von schlechten Zeitungen.

    Also zurück zu den Fakten (muss man einen Journalisten daran erinnern?): Der eigene PC in der Redaktion ist das dümmste, was eine Firma fordern kann. Denn dann hat sie keinerlei Gewalt über Geräte und Software und Datenverluste und Viren. Sie muss hinnehmen, was der Mitarbeiter von der Straße mitbringt. Und wenn der ein Problem hat, dass die IT-Abteilung angesichts des Fremdeigentums mangels Rechten oder Wissen nicht lösen kann, dann ist der Mitarbeiter eben unproduktiv – auf Firmenkosten. Und wenn der Mitarbeiter einen alten Prozessor vom Typ eines 286er mitbringt – dann muss ihn die Redaktion trotzdem für die volle Arbeitsleistung bezahlen.

    Mehr Geld kann man durch Sparen kaum ausgeben. Bleibt die Frage, wer so faul ist, in so einer dummen Firma arbeiten zu wollen. Und was die Firma mir antworten möchte.

  9. 

    BYOD heißt es bei mir schon lange. Bin Lehrer, arbeite selbstverständlich mit dem Laptop und bekomme dann ein paar Cents über die Steuer raus.

  10. 

    „[…]und soll der Support seitens der IT nun etwa einfach komplett abgeschafft werden? Und wenn mal irgendwas nicht so funktioniert, wie es soll?“

    Ich vermute, wenn was nicht funktioniert, ist das dann das persönliche Problem der Angestellten:
    „Dein Laptop ist kaputt? Kein Problem, wir geben dir gerne unbezahlten Urlaub, bis du das Problem gelöst hast und wieder in der Lage bist, deinen Job zu machen…“

  11. 
    nervender Kommentator 19. Juli 2013 um 17:54

    Ist das nicht alles schon die Regel? Fürs Fußvolk zumindest? Während der Geschäftsführer Dienstwagen und womöglich Chauffeur gestellt bekommt, heißt es (in D) bei jedem geringbezahlten Zeitarbeiterjob schon „Führerschein und eigener PKW ist Bedingung“. Und selbstverständlich möchte einen der Chef zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten telefonisch erreichen können – auf dem privaten natürlich.

    Wär ja alles ok, wenn diese Kosten auf das Gehalt aufgeschlagen bzw. steuerlich voll als Werbungskosten geltend gemacht werden könnten. Da ist aber das Finanzamt anderer Meinung…

  12. 

    Eine solche Vorgehensweise ist natürlich im besten Falle heikel (Firmensicherheit…) und bei Zwang schlechhin nicht vertretbar. Leider sparen viele Firmen gerne eben dort, wo es nicht sinnvoll ist oder gar mehr Schaden als Nutzen bringt.

    Allerdings kann das (freiwillige!) benutzen eines eigen Rechners für den Arbeitnehmer auch Vorteile haben, etwa dass man die Software installieren kann, die man für die Arbeit braucht, was sonst keineswegs selbstverständlich ist. Das Mitbringen, um zu Hause weiterzuarbeiten, ist auch öfters bei Firmenhardware nicht möglich. Für mich als IT-Berater (was öfters auf Zeitarbeit mit hohen Gehältern hinausläuft) sind Projekte wo ich ein eigener Laptop mitbringe insoweit sehr dankbar, dass ich nicht eine halbe Ewigkeit damit verbringen muss, Windows und diversen Tools von den bescheuerten Defaulteinstellungen zu vernünftigeren umzustellen—zum zigten Mal.

  13. 

    Das ist natürlich eine Verschlechterung des Standards. Ich nehme an, dass solche Kosten bei Euch in der Schweiz üblicherweise abgesetzt werden können, was letztlich zu Lasten des Steuerzahlers geht. Insofern macht das volkswirtschaftlich aus dieser Perspektive Sinn, denn: es belastet weder den Steuerzahler noch die Firmen. Den Arbeitnehmer dann aber doch (der ja auch Steuerzahler ist) und aus dieser Perspektive kann ich Deine Verärgerung verstehen.

  14. 

    Als Gymnasiallehrer (Aargau) benötige ich zum Erteilen eines zeitgemässen Unterrichtes einen Laptop. Ich muss ihn selber bezahlen.

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