„In der Zukunft wird die Wertschöpfung der Medien verstärkt im Anbieten und Pflegen von Infrastrukturen und Communities liegen.“ (Literature Review, 4. Teil)

13. August 2013 — Hinterlasse einen Kommentar

Heutige zwei Artikel im Fokus: We media. How audiences are shaping the future of news and information (Bowman & Willis, 2003) & The Future Is Here, But Do News Media Companies See It? (Bowman & Willis, 2005)

Bowman und Willis beschreiben 2005 den durch das Internet hervorgebrachten radikalen Wandel im Mediengeschäft. Laut ihnen ermöglicht das Internet grenzenlose Verbreitung von Inhalten zu geringen bzw. keinen Preisen. Gleichzeitig ermöglicht es jedermann, selbständig Inhalte zu produzieren.[1] Die dazu notwendigen Tools sind einfach zu bedienen und überall verfügbar. Die traditionellen Medienhäuser bekunden Mühe, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.[2] Es fällt ihnen schwer, Kontrolle abzugeben und ihre Gatekeeper-Funktion aufzugeben. Sie fassen zusammen, was die erfolgreichen Bürgermedien bisher gelernt haben: Die meisten Bürger haben kein Bedürfnis, selbst Journalisten zu sein. Dennoch möchten sie gerne in kleiner und sinnvoller Art und Weise mitwirken. Bowman und Willis definieren „Participatory Journalism“ wie folgt: „The act of a citizen, or group of citizens, playing an active role in the process of collecting, reporting, analyzing and disseminating news and information. The intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate, wide-ranging and relevant information that a democracy requires”[3] Online Communities benötigen konstante Aufmerksamkeit, Führung und Pflege. Sie führen aus, dass solche Plattformen dank Werbeeinnahmen ein kleines, aber erfolgreiches Geschäftsmodell werden können.[4] Im Modell des „Media Ecosystem“[5] zeigen sie gekonnt auf, wie die Journalisten die Rolle von Mediatoren einnehmen. Mit Blick in die Zukunft zeichnen sich laut ihnen folgende Trends ab: Erfolgreiche Newsseiten entdecken den richtigen Mix aus Community, Inhalt, Kommerz und Tools. Sie integrieren den Inhalt der Bürgerjournalisten stärker mit den traditionellen Inhalten der professionellen Journalisten. Das Internet auf mobilen Geräten wird stark wachsen. Die Bürger fordern eine grössere Transparenz. Dies wird zur Folge haben, dass mehr professionelle Journalisten soziale Medien einsetzen, um mit der Leserschaft in Kontakt zu treten. Die Ausbildung im Journalismus wird sich langsam den neuen Anforderungen anpassen und beginnen, auch die Empfänger stärker auszubilden, damit sie zu besseren Newslieferanten werden.[6] Zum Schluss kommen sie zur Erkenntnis, dass sich die Geschäftsmodelle der Medien markant ändern werden. Die grössten Unterschiede zwischen „participatory journalism“ und traditionellem Journalismus sehen sie in den unterschiedlichen Strukturen und Organisationen, in welchen Inhalte produziert werden.[7] In der Zukunft wird die Wertschöpfung der Medien verstärkt im Anbieten und Pflegen von Infrastrukturen und Communities liegen.[8]

Bowman und Willis geben einige Empfehlungen ab, wie Medien auf diese Veränderungen reagieren und wie sie den Bürgerjournalismus in ihre bestehenden Journalismusprozesse integrieren können. Da Beziehungen den eigentlichen Wert generieren, sollen Medien versuchen, diese mit kontinuierlichen Updates zu pflegen, die Inhalte in Netzwerkbeziehungen (online und offline) als Plattform anzubieten und so den Partnern soziale Interaktionsmöglichkeiten zu geben.[9] Weiter empfehlen sie, den Newsraum für den Wandel verantwortlich zu machen, den Journalisten eine höhere Autonomie zu geben sowie das Publikum als wertvollen Partner und Innovator zu behandeln. Journalisten sollen schliesslich vom Credo wegkommen, dass sie die Besitzer der News sind. Vielmehr sollen sie sich als Verteiler der Nachrichten sehen.[10]

Viele der Zukunftsvermutungen von Bowman und Willis sind in den letzten Jahren Tatsache geworden. Es bleibt festzustellen, dass sie die Zukunftsentwicklung präzise auf den Punkt gebracht haben. Viele Medien bekunden noch heute Mühe, sich diesen neuen Anforderungen anzupassen. Kritisch zu beurteilen ist die fehlende Empirie. Ihre Aussagen sind zwar stringent hergeleitet, werden jedoch nicht empirisch untermauert. Im Artikel finden sich verschiedene Hypothesen, welche in zukünftigen Forschungsarbeiten detaillierter und empirisch untersucht werden könnten. Besonders die Thematik, dass Journalisten in Zukunft mehr zu Infrastrukturanbieter werden, wirft verschiedene spannende Forschungsfragen auf. Denn dadurch übernehmen Journalisten komplett neue Funktionen und Rollen. Sie sind nicht mehr Inhaltslieferanten, sondern bieten eine Infrastruktur an, auf welcher sie moderierend Einfluss nehmen. 

Bowman and Willis


[1] Bowman & Willis, 2005, S. 6

[2] Vgl. Bowman & Willis, 2003, S. 49.

[3] Vgl. Bowman & Willis, 2003, S. 9

[4] Bowman & Willis, 2005, S. 8.

[5] Vgl. Bowman & Willis, 2003, S. 12.

[6] Vgl. Bowman & Willis, 2003, S. 50 und Bowman & Willis, 2005, S. 9 – 10.

[7] Vgl. Bowman & Willis, 2003, S. 12.

[8] Vgl. Bowman & Willis, 2005, S. 10.

[9] Vgl. Bowman & Willis, 2003, S. 58.

[10] Vgl. Bowman & Willis, 2003, S. 59 – 60.

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