Journalisten werden zu Aufbereiter und Vermittler, welche bestehende Informationen anreichern, kombinieren und anschliessend öffentlicher machen (Literature Review, 7. Teil)

17. August 2013 — Hinterlasse einen Kommentar

Heutiger Artikel im Fokus: Vom Gatekeeping zum Gatewatching – Modell der journalistischen Vermittlung im Internet (Bruns, 2009)

Die Journalisten in traditionellen Medien haben über Jahre die Funktion eines Gatekeepers eingenommen. Journalisten hatten die Kontrolle, welche Inhalte an die Öffentlichkeit gelangen. Das Internet hat diesen Ansatz verändert. Dem Journalisten kommt weniger eine Bewachungsfunktion zu, sondern eher eine Beobachtungsfunktion. Er wird zu einem Gatewatcher. Bruns untersucht den Wandel vom Gatekeeping zum Gatewatching im Nachrichtenjournalismus in seiner Forschungsarbeit.

Er beschreibt den traditionellen Nachrichtenprozess mit seinen drei Gatekeeping-Stufen.[1] In der Eingangsstufe werden die Neuigkeiten und Informationen durch professionelle Journalisten gefiltert und nur die relevanten Informationen in den Nachrichtenproduktionsprozess eingelassen.[2] Bei der Ausgangsstufe werden durch eine geschlossene Hierarchie in der Redaktion die Nachrichtenberichte in die Medien entlassen. Die Rezipienten haben auf der Antwortstufe die Möglichkeit, durch Briefe oder Anrufe mit den Medienunternehmen Kontakt aufzunehmen. Jedoch auch in dieser Stufe übernehmen die Journalisten eine Gatekeeper-Funktion, indem sie eine Selektion der Reaktionen der Leser, Hörer und Zuschauer vornehmen.

Beim Internet hingegen übernehmen Journalisten vermehrt die Rolle von Gatewatcher. Dank des Internets wird es den Nutzer einfach gemacht, selbst Produzent von Medieninhalten zu werden. Beim Internet besteht keine Notwendigkeit, die Seitenzahl bei Zeitungen oder die Sendezeit bei Radio und TV-Programmen einzuhalten. Das technische Motiv für Gatekeeping an der Ausgangsstufe entfällt.

Besonders bei der Eingangsstufe ist das Gatekeeping am meisten bedroht. Jeder und jede kann selbst zu Produzenten von Medieninhalten werden. Journalisten übernehmen die Rolle von Beobachter. Sie beobachten, welches Material interessant sein könnte und verwandeln dieses Rohmaterial in strukturierte und aktuelle Berichte.[3] Sie publizieren diese Neuigkeiten, welche an sie herangetragen werden und kombinieren mehrere Neuigkeiten miteinander. Wie Bruns ausführt, haben Journalisten heute nicht mehr die Rolle des „Öffentlichmachen“, sondern präziser die des „Öffentlicher-Machens“.[4] Der von Bruns entwickelte Gatewatcher-Nachrichtenprozess besteht aus folgenden vier Stufen: Gatewatching, Eingang, Ausgang und Antwort.[5] Das Gatewatching von Nachrichtenquellen steht allen Nutzer offen, welche bei der Eingangsstufe von jedermann eingesendet werden kann. Die Journalisten publizieren diese Nachricht sofort oder bearbeiten einen kollaborativen Bericht. In der Antwortstufe steht jedem Nutzer offen, zu diskutieren und zu kommentieren.[6]

Gatewatching kann auf allen Stufen des Modells von Bruns stattfinden. Seine Analysen zeigen auf, dass es den Journalisten einfacher fällt, auf die redaktionelle Kontrolle bei der Eingangsstufe zu verzichten als bei der Ausgangs- und Antwortstufe.[7] Aus Sicht der Journalisten erhalten sie infolge der Lockerung auf der Eingangsstufe mehr Nachrichtenmaterial und gleichzeitig schadet es ihnen nicht, da mittels der bestehenden Qualitätskontrolle auf der Ausgangstufe die journalistische Professionalisierung eingehalten wird.

Die Untersuchung von Bruns zeigt eindrücklich den Wandel von Gatekeeper zum Gatewatcher im Journalismus auf. Journalisten werden immer weniger zu Inhaltsproduzenten, welche diese Informationen öffentlich machen, sondern eher zu Aufbereiter und Vermittler, welche bestehende Informationen anreichern und kombinieren und anschliessend öffentlicher machen. Für zukünftige Forschungen wäre es interessant, die Qualität von Informationen mit dem Wegfall der journalistischen Kontrollmechanismen zu untersuchen. Wie verändert sich die Qualität von Berichten, wenn sich immer mehr nicht-professionelle Akteure als Produzenten probieren. Ebenso wäre es eine Untersuchung wert, wie viele der Lesenden auch tatsächlich zu aktiven Producer werden. Dabei könnte das Producing noch genauer kategorisiert werden. Denn einige Lesende begnügen sich damit,  mit den Informationen arbeiten und diese in ihre soziale Welt einfügen zu können.

Bruns, 2009


[1] Vgl. Abbildung 6.

[2] Vgl. Bruns, 2009, S. 2.

[3] Vgl. Bruns, 2009. S. 9

[4] Vgl. Bruns, 2009, S. 9.

[5] Vgl. Abbildung 6.

[6] Vgl. das Modell von Bruns, 2009, S. 9.

[7] Vgl. Bruns, 2009, S. 19-20

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