„Es herrscht nicht mehr Knappheit an Verbreitungskapazität, sondern Knappheit an Aufmerksamkeit und Urteilsvermögen auf Seiten der Rezipienten.“ (Literature Review, 9. Teil)

19. August 2013 — Hinterlasse einen Kommentar

Heutiger Artikel im Fokus: Internet-Journalismus: Vom traditionellen Gatekeeping zum partizipativen Journalismus (Neuberger & Quandt, 2010)

Neuberger und Quandt gehen in ihrem Beitrag zwei Fragen nach. Erstens analysieren sie, wie der professionelle Journalismus ins Internet expandiert. Und Zweitens untersuchen sie, wie sich die Öffentlichkeit und damit auch der Journalismus durch das Internet ändert.[1]

Sie zeigen auf, dass häufig die etablierte Inhaltsherstellung mit Redaktionen in den Online-Journalismus übernommen wurde, obschon die klassische Redaktionsstruktur für die Her- und Bereitstellung von Informationen nicht mehr notwendig ist.[2] Die häufige formulierte Vermutung, dass der Journalist im Internetzeitalter zu einem Multimedia-Journalisten mutiert, konnten sie widerlegen.[3] Sie kommen zur Erkenntnis, dass sich der professionelle Internet-Journalismus nicht grundsätzlich vom traditionellen Journalismus unterscheidet. Die Arbeit und Struktur eines Online-Journalisten weicht weniger vom Kernmerkmal des Journalismus ab als vermutet.[4] Allerdings kann eine Verschmelzung und Weiterentwicklung der beiden Bereiche identifiziert werden.

In der zweiten Forschungsperspektive zu neuen Ausprägungen des Journalismus im Internet beschreiben sie zuerst die Vereinfachung des kommunikativen Zugangs zur Öffentlichkeit für alle. Dadurch wird – wie bereits schon mehrmals gehört – die zentrale Rolle der Journalisten als Gatekeeper in Frage gestellt. Die Organisationen erhalten einen unvermittelten Zugang zu ihren Bezugsgruppen, es kommt zu einer Disintermediation in der Öffentlichkeit. Dadurch verlieren die journalistischen Vermittler teilweise ihre Funktion. Mit den Änderungen kommt es jedoch auch zu neuen Funktionen für Journalisten. Die Rezipienten sind teilweise quantitativ und qualitativ mit der Informationsflut überfordert. Wie Neuberger und Quandt es auf den Punkt bringen, „herrscht nicht mehr Knappheit an Verbreitungskapazität, sondern Knappheit an Aufmerksamkeit und Urteilsvermögen auf Seiten der Rezipienten.“[5] Dank dieser neuen Kommunikationsprobleme können journalistische Mediatoren wichtige Funktionen übernehmen. Da eine flächendeckende Qualitätssicherung vor dem Publizieren fehlt und dadurch viel Informationsmüll veröffentlicht wird, wird die Leistung einer nachträglichen Selektion und Prüfung des bereits Publizierten bedeutender.[6] Der Gatekeeper wird zum Gatewatcher. Da die professionellen Journalisten selbst weniger Informationen produzieren werden, bleibt mehr Zeit, die Rolle eines Organisators und Moderators zu übernehmen. Sie können und sollen die Kommunikation von Nutzern fördern. Trotz der Verschiebung der journalistischen Rolle im Online-Journalismus zum Gatewatcher betonen Neuberger und Quandt, dass Gatekeeping in den klassischen Massenmedien von entscheidender Bedeutung bleibt.[7] Insbesondere für die weiteren Forschungsarbeiten relevant sind die von Neuberger und Quandt identifizierten drei Typen der Vermittlung öffentlicher Kommunikation: Professionell-redaktioneller Journalismus, partizipativer Journalismus und technische Vermittlungsleistungen.[8] Unter partizipativem Journalismus verstehen sie, dass durch Nutzerplattformen zu journalistischen Themen (beispielsweise Wikinews) und Individualformate (beispielsweise Weblogs) jeder journalistische Inhalte selbst produzieren kann. Da die Teilnehmenden in diesen Netzwerken auch Vermittler und Qualitätskontrolleure sind, ist es fraglich, ob Redaktionen als Organisationen im Internet-Journalismus noch notwendig sind.[9] Technisch gesteuerte Vermittlungsleistungen werden von Aggregatoren wie Suchmaschinen und Agenten erbracht. Diese produzieren selbst nicht Nachrichten. Es wird in Frage gestellt, ob dadurch tatsächlich journalistische Vermittlungsleistungen erbracht werden.

Neuberger und Quandt, 2010


[1] Vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 59.

[2] vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 63.

[3] vgl. dazu auch Bardoel & Deuze, 2001

[4] Vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 65.

[5] Vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 69.

[6] Vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 69.

[7] Vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 70.

[8] Vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 70 – 71.

[9] Vgl. Neuberger & Quandt, 2010, S. 71.

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