„Die Zeitung befindet sich auf dem Weg von einem Nachrichten- zu einem Analysemedium“ (Literature Review, 11. Teil)

21. August 2013 — Hinterlasse einen Kommentar

Heutiger Artikel im Fokus: Zeitungsjournalismus im Internetzeitalter – Umfragen und Analysen (Mast, 2011)

Der Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim hat in den Jahren 2002, 2006 und 2009 eine Umfrage zur Zukunft der Zeitungen bei Chefredakteuren deutscher Tageszeitungen durchgeführt.[1] Claudia Mast, Professorin am Lehrstuhl, dokumentiert die zentralen Umfrageergebnisse und analysiert die Entwicklung. Die während der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 durchgeführte Umfrage zeigte deutlich, dass sich die Zeitung von einem Nachrichtenmedium zu einem Analysemedium verändert. Auch in der Tagespresse sind vertiefende und themenbezogene Analysen im Trend.[2] Das Internet und die Crossmedialität sind in der Umfrage von 2009 endgültig bei den Befragten angekommen. 88% der Chefredakteure vermuten, dass zukünftig die gedruckten Zeitungen stärker durch diversifizierte mobile Angebote ergänzt werden.[3] Die Zeitungen haben erkannt, dass sie die wirtschaftliche Berichterstattung stärken müssen. Sie dürfen sich nicht mehr nur eine politische „Wächterfunktion“ einnehmen.[4] Die Chefredakteure befinden sich auf dem Weg zum modernen Analysejournalisten. So sehen 75% der Befragten den Trend „Einbeziehung redaktionsexterner Experten“, 73% „Ressortübergreifende Bearbeitung von Themen“, 66% „Erklärung komplexer Sachverhalte durch Bilder und Grafiken“, 64% „Exklusive Themen / Exklusivnachrichten“ und 51% den Trend „Schreiben von Magazinstory“.[5]

Mast fasst die unterschiedlichen Entwicklungen für die Zeitungen präzise zusammen. Laut ihrer Argumentation müssen die Leser künftig für Journalismus mehr bezahlen, da die Werbeeinnahmen im 2009 zum ersten Mal unter den Vertriebserlösen am deutschen Zeitungsmarkt lagen.[6] Die technische Entwicklung hat mehrere Wirkungen. Journalisten verlieren ihre Gatekeeper-Rolle, neue Medienkanäle entstehen und Kommunikation beschleunigt sich.[7] Die Menge an Nachrichten steigt und diese Informationslawine bringt Glaubwürdigkeitsrisiken für die Journalisten mit sich, da die Zeit für gründliche Recherche teilweise fehlt. [8] Und der Wettbewerb um exklusive Themen und Nachrichten stellt auch ein Reputationsproblem dar, da dadurch auch Irrelevantes produziert wird.[9]

Basierend auf den Umfrageergebnisse unter den Chefredakteuren fasst Mast die publizistischen Leistungen für Zeitungen in der Zukunft in vier Dimensionen zusammen (Vgl. Abbildung unten). Journalisten übernehmen einerseits eine Wächterfunktion, welche Behauptungen prüft, Relevantes von Irrelevantem trennt und als kritische Instanz gegenüber interessengebundener Informationen auftritt. Durch Einordnen, Strukturieren und Bewerten geben Journalisten dem Leser Orientierung. Damit die Lesenden in der Informationsflut nicht untergehen, übernehmen Journalisten für sie die Bündelung von relevanten, nützlichen und erzählenswerten Informationen. Die Kommunikationsbeziehung zwischen Produzent und Konsument ist nicht mehr einseitig, sondern die Journalisten helfen die Lesenden in interaktive Kommunikationsbeziehungen einzubinden. So werden die Lesenden thematisch eingebunden und mobil begleitet.[10] Mast formuliert die These, dass Zeitungen eine „Star-Position“ einnehmen könnten, d.h. eine Position mit vielen Kommunikationsbeziehungen in der heutigen Netzwerkkommunikation, unter der Bedingung, dass sie moderieren, Schnittstellen darstellen, den Netzwerken relevante Informationen liefern und publizistische Leistungen von hohem Wert und Qualität bieten.[11]

Die Untersuchungen von Mast sind dahingehend erwähnenswert, da sie mit der Methode der Befragung die Einschätzung der involvierten Journalisten direkt abholt. Anders als bei den meisten Untersuchungen in diesem Themengebiet befragte sie nicht Online-Journalisten, sondern Journalisten bzw. Chefredakteure im klassischen Zeitungsjournalismus. Durch die wiederholenden Umfragen konnten einzelne Tendenzen über die Zeit aufgezeigt werden. Die inhaltlichen Erkenntnisse anderer Untersuchungen konnten dadurch bestätigt werden.

Mast 2011
Bildschirmfoto 2013-08-18 um 22.11.43


[1] Mast, 2011, S. 9.

[2] Mast, 2011, S. 62.

[3] Mast, 2011, S. 30.

[4] Mast, 2011, S. 31.

[5] Mast, 2011, S. 32.

[6] Vgl. Mast, 2011, S. 60.

[7] Vgl. Mast, 2011, S. 60.

[8] Vgl. Mast, 2011, S. 60.

[9] Vgl. Mast, 2011, S. 61.

[10] Vgl. Mast, 2011, S. 65.

[11] Vgl. Mast, 2011, S. 67.

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