Michael Fleischhacker: Ohne Vertriebserlöse wird es Qualitätsjournalismus im Netz genauso wenig geben wie zu analogen Zeiten!

28. September 2014 — Hinterlasse einen Kommentar

Die NZZ plant und realisiert auf www.nzz.at ihr Österreich-Projekt. Verantwortlich für die sprachregionale Angebotsausweitung in Österreich ist Michael Fleischhacker, welcher zuvor bis Oktober 2012 Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“ war. Da interessiert uns doch, was Herr Fleischhacker über die Zukunft des „Prinzips Zeitung“ denkt. Er hat zum Thema ein Buch mit dem Titel „Die Zeitung – Ein Nachruf“ geschrieben, welches im März 2014 im Brandstätter-Verlag erschienen ist. Die Lektüre kann ich nur wärmstens empfehlen. Anbei findet sich mit ein paar Zitaten aus dem Buch ein kleines Amuse-Bouche. 

Es wäre weltweit in keiner anderen Branche denkbar, dass ziemlich gut bezahlte Führungskräfte (zum Beispiel Ressortleiter grosser Zeitungen) über das Geschäftsmodell der eigenen Branche exakt nichts wissen.“

Auch wenn in vielen Redaktionen seit einiger Zeit Prozesse laufen, welche die Zusammenlegung von Print- und Onlineabteilungen zum Ziel haben, denken die Redaktionsverantwortlichen, wenn sie über die Zukunft nachdenken, nicht in erster Linie an das „Prinzip Zeitung“, also die Etablierung von professionellem Journalismus in den neuen digitalen Zusammenhängen, sondern sie denken an die Erhaltung des Printprodukts. 

Mit dem Rückzug der Werber aus den gedruckten Tagesmedien werden die Zeitungen wieder stärker von den Vertriebserlösen aus Abonnements und Einzelverkauf abhängig. Die Verkaufspreise sind während des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts massiv gestiegen und werden weiter steigen – und mit ihnen die Ansprüche der Leser, für ihr Geld mehr zu bekommen. Für die General-Interest-Tageszeitung ist das eine schlechte Nachricht: Der Versuch, für 14- bis 100-jährige Konsumenten und ihre unterschiedlichen Interessen in Wirtschaft, Politik, lokalen Nachrichten und Kultur ein einziges, immer dünner werdendes Produkt anzubieten, wird nicht erfolgreich sein.

„General interest“ ist nur noch für reichweitenorientierte Gratisangebote eine Option. Hier liegt die grösste Herausforderung für jene Online-Angebote traditionsreicher Printmarken, die sich für eine Werbefinanzierung auf der Basis grosser Reichweite entschieden haben, die nicht zuletzt durch den massiven Ausbau der Response-Möglichkeiten in den jeweiligen „Foren“ erreicht werden können. Abgesehen davon, dass Marken wie die „Die Zeit“, „Der Spiegel“ oder „Der Standard“ durch die tendenzielle Boulevardisierung ihrer Gratis-Online-Angebote in markentechnische Schwierigkeiten geraten werden: Nur mit Werbeerlösen wird es nicht möglich sein, die fusionierten Print-Online-Redaktionen zu finanzieren. Ohne Vertriebserlöse wird es Qualitätsjournalismus im Netz genauso wenig geben wie zu analogen Zeiten.

Wie man aber zugleich die dialogische Grundstruktur des Angebots erhalten und die Nutzung des Angebots auf zahlende Kunden einschränken kann, ist vollkommen offen. 

Es muss einem um den Journalismus im digitalen Zeitalter nicht bang sein, das „Prinzip Zeitung“ ist lebendig wie eh und je: Es bringt am laufenden Band neue Produkte in der digitalen Welt hervor. 

DieZeitung2

 

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