Archive für Journalism

Heutiger Artikel im Fokus: Vom Gatekeeping zum Gatewatching – Modell der journalistischen Vermittlung im Internet (Bruns, 2009)

Die Journalisten in traditionellen Medien haben über Jahre die Funktion eines Gatekeepers eingenommen. Journalisten hatten die Kontrolle, welche Inhalte an die Öffentlichkeit gelangen. Das Internet hat diesen Ansatz verändert. Dem Journalisten kommt weniger eine Bewachungsfunktion zu, sondern eher eine Beobachtungsfunktion. Er wird zu einem Gatewatcher. Bruns untersucht den Wandel vom Gatekeeping zum Gatewatching im Nachrichtenjournalismus in seiner Forschungsarbeit.

Er beschreibt den traditionellen Nachrichtenprozess mit seinen drei Gatekeeping-Stufen.[1] In der Eingangsstufe werden die Neuigkeiten und Informationen durch professionelle Journalisten gefiltert und nur die relevanten Informationen in den Nachrichtenproduktionsprozess eingelassen.[2] Bei der Ausgangsstufe werden durch eine geschlossene Hierarchie in der Redaktion die Nachrichtenberichte in die Medien entlassen. Die Rezipienten haben auf der Antwortstufe die Möglichkeit, durch Briefe oder Anrufe mit den Medienunternehmen Kontakt aufzunehmen. Jedoch auch in dieser Stufe übernehmen die Journalisten eine Gatekeeper-Funktion, indem sie eine Selektion der Reaktionen der Leser, Hörer und Zuschauer vornehmen.

Beim Internet hingegen übernehmen Journalisten vermehrt die Rolle von Gatewatcher. Dank des Internets wird es den Nutzer einfach gemacht, selbst Produzent von Medieninhalten zu werden. Beim Internet besteht keine Notwendigkeit, die Seitenzahl bei Zeitungen oder die Sendezeit bei Radio und TV-Programmen einzuhalten. Das technische Motiv für Gatekeeping an der Ausgangsstufe entfällt.

Besonders bei der Eingangsstufe ist das Gatekeeping am meisten bedroht. Jeder und jede kann selbst zu Produzenten von Medieninhalten werden. Journalisten übernehmen die Rolle von Beobachter. Sie beobachten, welches Material interessant sein könnte und verwandeln dieses Rohmaterial in strukturierte und aktuelle Berichte.[3] Sie publizieren diese Neuigkeiten, welche an sie herangetragen werden und kombinieren mehrere Neuigkeiten miteinander. Wie Bruns ausführt, haben Journalisten heute nicht mehr die Rolle des „Öffentlichmachen“, sondern präziser die des „Öffentlicher-Machens“.[4] Der von Bruns entwickelte Gatewatcher-Nachrichtenprozess besteht aus folgenden vier Stufen: Gatewatching, Eingang, Ausgang und Antwort.[5] Das Gatewatching von Nachrichtenquellen steht allen Nutzer offen, welche bei der Eingangsstufe von jedermann eingesendet werden kann. Die Journalisten publizieren diese Nachricht sofort oder bearbeiten einen kollaborativen Bericht. In der Antwortstufe steht jedem Nutzer offen, zu diskutieren und zu kommentieren.[6]

Gatewatching kann auf allen Stufen des Modells von Bruns stattfinden. Seine Analysen zeigen auf, dass es den Journalisten einfacher fällt, auf die redaktionelle Kontrolle bei der Eingangsstufe zu verzichten als bei der Ausgangs- und Antwortstufe.[7] Aus Sicht der Journalisten erhalten sie infolge der Lockerung auf der Eingangsstufe mehr Nachrichtenmaterial und gleichzeitig schadet es ihnen nicht, da mittels der bestehenden Qualitätskontrolle auf der Ausgangstufe die journalistische Professionalisierung eingehalten wird.

Die Untersuchung von Bruns zeigt eindrücklich den Wandel von Gatekeeper zum Gatewatcher im Journalismus auf. Journalisten werden immer weniger zu Inhaltsproduzenten, welche diese Informationen öffentlich machen, sondern eher zu Aufbereiter und Vermittler, welche bestehende Informationen anreichern und kombinieren und anschliessend öffentlicher machen. Für zukünftige Forschungen wäre es interessant, die Qualität von Informationen mit dem Wegfall der journalistischen Kontrollmechanismen zu untersuchen. Wie verändert sich die Qualität von Berichten, wenn sich immer mehr nicht-professionelle Akteure als Produzenten probieren. Ebenso wäre es eine Untersuchung wert, wie viele der Lesenden auch tatsächlich zu aktiven Producer werden. Dabei könnte das Producing noch genauer kategorisiert werden. Denn einige Lesende begnügen sich damit,  mit den Informationen arbeiten und diese in ihre soziale Welt einfügen zu können.

Bruns, 2009


[1] Vgl. Abbildung 6.

[2] Vgl. Bruns, 2009, S. 2.

[3] Vgl. Bruns, 2009. S. 9

[4] Vgl. Bruns, 2009, S. 9.

[5] Vgl. Abbildung 6.

[6] Vgl. das Modell von Bruns, 2009, S. 9.

[7] Vgl. Bruns, 2009, S. 19-20

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Heutiger Artikel im Fokus: (R)Evolution des Journalismus? Online Journalismus zwischen Tradition und Innovation (Quandt, 2005)

Quandt versucht in seiner Studie herauszufinden, ob sich das journalistische Arbeiten als Online-Journalisten gegenüber dem traditionellen Journalisten verändert hat. Ziel der Erforschung ist es, Muster im Handeln von Online-Journalisten zu identifizieren. Bei verschiedenen Online-Reaktionen hat er dazu eine empirische Beobachtungsstudie durchgeführt.[1] 10‘826 Handlungen oder eine kumulierte Arbeitsdauer von 405 Stunden fanden Eingang in die Studie.[2]

Online-Journalisten weisen eine extrem hohe Handlungsfrequenz auf. Eine durchschnittliche Arbeitshandlung dauert lediglich 2 Minuten und 14 Sekunden.[3] Die Online-Journalisten scheinen journalistisch zu arbeiten. Einen Grossteil der Arbeitszeit wird für journalistische Tätigkeiten wie Kommunikation (ca. 15% der Gesamtzeit), Such- und Selektionstätigkeiten (ca. 32 % der Gesamtzeit) sowie das Schreiben (ca. 22% der Gesamtzeit) aufgewendet.[4] Mehr als die Hälfte der für das Schreiben aufgebrachten Zeit wird für das Umarbeiten und Redigieren verwendet. Lediglich 24% der Zeit fürs Schreiben wird für das selbstständige Schreiben verwendet.[5] Somit verwendet ein Online-Journalist lediglich 5% (0.24 x 22%) seiner gesamten Arbeitszeit für die eigenständige Textproduktion. Für Produktionstätigkeiten wird lediglich 6% der Gesamtarbeitszeit aufgewendet.[6] Dies spricht dafür, dass die Online-Journalisten keine multimedialen Inhalte selbständig produzieren. Diese Untersuchung widerspricht den früheren Vermutungen vieler, wie beispielsweise jener von Bardoel & Deute.[7]

Aus der Studie lässt sich der Trend erkennen, dass Online-Journalisten vermehrt zu Distributions-Journalisten werden, welche sich stark am Material der Nachrichtenagenturen und Netzquellen bedienen und dieses lediglich noch umschreiben. Der Online-Journalist verwendet mehr Zeit für das Redigieren und Umschreiben von existierenden Ausgangstexten als für das Schreiben von eigenen Beiträgen. Die Studie von Quandt zeigte, dass sich die Tätigkeiten der Journalisten im Online-Bereich verändern, jedoch blieb eine Revolution des Journalismus aus. Da die Studie bereits mehrere Jahre zurückliegt, wäre es interessant, diese Beobachtung zu wiederholen und zu eruieren, wie sich die Rolle in den letzten drei Jahren verändert hat.

Quandt


[1] Vgl. Quandt, 2005, S. 163.

[2] Vgl. Quandt, 2005, S. 175.

[3] Vgl. Quandt, 2005, S. 176.

[4] Vgl. Quandt, 2005, S. 178.

[5] Vgl. Quandt, 2005, S. 179.

[6] Vgl. Quandt, 2005, S. 177.

[7] Vgl. Bardoel & Deuze, 2001.

Heutiger Artikel im Fokus: Vom Gatekeeper-Journalismus zum Netzwerk-Journalismus (Bücher & Büffel, 2005)

Bucher und Büffel untersuchen die Veränderungen vom Gatekeeper-Journalismus zum Netzwerk-Journalismus am Beispiel Weblogs. Sie zeigen auf, dass mehrere Studien die klassische Journalismus-Perspektive einnehmen. In deren Sinn ist journalistisch, was redaktionell organisiert ist.[1] Dies klammert die neuen globalen und netzwerkorientieren Medienunternehmen aus, welche nicht mehr an Institutionen im klassischen Sinn gekoppelt sind. Bucher und Büffel erklären die Begrenztheit bisheriger Definitionen von Online-Journalismus und definieren den Begriff neu. Sie verstehen unter Online-Journalismus sowohl eine Ausdifferenzierung des klassischen Journalismus als auch eine der öffentlichen Kommunikation.[2] Am Beispiel Weblogs versuchen sie die These zu überprüfen, dass im Internet ein nicht-institutionalisierter Journalismus entstanden ist, welcher eine Netzwerkorientierung aufweist.[3] Die Kommunikationsform Weblogs charakterisieren sie wie folgt: Die hochgradige Vernetzung zu einer Art Blogosphere, die Beschleunigung der Kommunikation und ihre Globalität, die Interaktivität und Multimedialität, aber auch die Grenzauflösung zwischen personeller, öffentlicher, institutioneller und journalistischer Kommunikation.[4]

Deuze versucht Systematik in die verschiedenen Weblogs zu bringen. In einer vier-Felder-Matrix mit den Achsen „Kommunikation zwischen den Endpunkten“ und „Selbstbestimmungsgrad“ identifiziert er vier verschiedene Arten: Mainstream Newssites, Index and Categorysites, Meta und Commentsites und Share und Discussionsites.[5] Gemäss Deuze zählen alle vier von ihm identifizierten Typen zum professionellen Journalismus, da alle den Bürgern die Informationen anbieten, welche sie benötigen, um frei und selbstbestimmt zu sein.[6] Anders argumentiert Blood. Sie verwendet für Blogger den Ausdruck „participatory media“ und explizit nicht den Begriff „Journalism“.[7] Diese netzwerkbasierten journalistischen Kommunikationsformen bringen mit sich, dass die traditionelle Gatekeeper-Funktion von Journalisten nicht mehr funktioniert und die steilen Hierarchien in den traditionellen Medien flachen Hierarchien im Internet gegenüberstehen.

Bucher & Büffel beschreiben die spezifischen Charakteristiken von Weblogs auf den Journalismus in Bezug auf journalistische Handlungsweisen und Programme, die Selbstorganisation in der Weblog-Kommunikation und die kommunikative Funktion von Weblogs. Dabei bringen sie einige Merkmale von Weblogs auf den Punkt. Die Qualitätskontrolle wird dezentralisiert und erst nach der Publikation vorgenommen. Clay Shirky, ein Professor an der New York University, formulierte diese Änderung sehr präzise: „The order of things in broadcast is „filter, then publish“. The order in communities is “publish, then filter””.[8]

Bucher und Büffel stellen die Organisationsformen der klassischen Medien deren der neuen Medien gegenüber. Auf der einen Seite sind die neuen Medien netzwerkorientiert. Netzwerke als Organisationsformen zeichnen sich durch Merkmale wie Flexibilität, Dezentralisierung, horizontale Strukturen und flache Hierarchien aus. Auf der anderen Seite befinden sich die traditionellen Medien bei den hierarchischen Organisationsformen, welche durch Zentralismus, Effizienz, schnelle Instrumentalisierbarkeit und vertikale Strukturen bestimmt sind. Die hierarchischen Kommunikationsstrukturen der traditionellen Medien werden durch Netzwerkkommunikation abgelöst.[9] Diese Evolution bringt mit sich, dass sich die Rolle von Journalisten grundlegend verändert. Vom Gatekeeper wird der Journalist zum Informations-Guide.[10] Die offene Netzwerkstruktur hat zur Folge, dass sich die Themenvielfalt ausweitet, die Themensetzung liberalisiert wird, das Informationsangebot ausgeweitet wird, neue Zugangsmöglichkeiten zur Medienkommunikation für Laien entstehen, Journalisten ein Steuerungsverlust erleiden und die Reflexivität der Medienkommunikation ausgeweitet wird.[11]

Bücher und Büffel


[1] Vgl. Bucher & Büffel, 2005, S. 86.

[2] Vgl. Bucher & Büffel, 2005, S. 89.

[3] Vgl. Bucher & Büffel, 2005, 89.

[4] Vgl. Bucher & Büffel, 2005, S. 91.

[5] Vgl. Deuze, 2001.

[6] Vgl. Deuze, 2001.

[7] Vgl. Blood, 2003, S. 62.

[8] Vgl. Shirky, 2003.

[9] Vgl. Bucher & Büffel, 2005. S. 106-107.

[10] Vgl. Bucher & Büffel, 2005. S. 112.

[11] Vgl. Bucher & Büffel, 2005, S. 107.

Um das Themengebiet „Rollen der Journalisten“ strukturiert und systematisiert anzugehen und es von anderen Themengebiete abzugrenzen, wird der Analyserahmen von Blöbaum zu Hilfe genommen. Er unterscheidet drei Elemente der journalistischen Struktur: Organisation, Rollen und Programm.[1] Bei Organisation geht es hauptsächlich um Medienorganisationen und Redaktionen. Auf dieser Redaktionsebene lassen sich verschiedene Änderungen ausmachen. Es entstehen beispielsweise neue Ressorts und Redaktionen, Ressortgrenzen werden aufgehoben und redaktionelle Leistungen werden aus den Medienorganisationen ausgelagert.[2] Die Bildung der Praktiken im „Journalismus zur Sammlung, Selektion, Bearbeitung, Vermittlung und Kontrolle von Informationen“ werden unter journalistischen Programmen verstanden.[3] Die beiden Elemente „Organisation“ und „Programm“ sind angrenzende Themenbereiche, auf welche jedoch nicht fokussiert eingegangen wird. Im Zentrum des Interesses steht der Wandel der journalistischen Rollen. Da die Abgrenzungen zwischen journalistischen Rollen und journalistischen Organisationen fliessend sind und es verschiedenste Überlappungen gibt, wird der Themenbereich „Journalistische Organisation“ in dieser Arbeit immer wieder angeschnitten. Wie bereits in der Einleitung erläutert, hat sich die Rolle des Publikums in den letzten Jahren verändert und wird sich weiter wandeln. Es besteht eine Wechselwirkung zwischen Journalisten und Publikum. Aus diesem Grund müssen folgende drei Aspekte berücksichtigt werden: Journalisten, Publikum und die Beziehungen zwischen Journalisten und Publikum.[4]

Strukturierung des Themengebiets:
Die Struktur des Journalismus

Im Folgenden wird anhand von 10 ausgewählten Artikeln der aktuelle Stand der Forschung im Bereich „Journalistische Rollen im Wandel“ beschrieben und analysiert. Die Suche nach den Artikeln wurde dahingehend eingeschränkt, dass nur Artikel ausgewählt wurden, welche zwischen 2000 und heute (2013) verfasst wurden. 2000 wurde als Jahr gewählt, weil sich um die Jahrtausendwende erste soziale Medien langsam etabliert haben. Als Organisationstypus wurde das historische Format gewählt, in welchem die Artikel chronologisch behandelt werden, da sich dieses Format als geeignet erschien, da Wandel thematisiert wird und im Wandel die Zeitkomponente eine entscheidende Rolle spielt. Bei der Auswahl der Artikel war entscheidend, möglichst unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um so die Breite der Ansätze in diesem Forschungsgebiet aufzuzeigen. Es wurde versucht, Artikel mit unterschiedlichen Forschungsmethoden zu wählen, welche unterschiedliche Kanäle (beispielsweise Weblogs und Twitter) untersuchten. Es wurden auch konzeptionelle Artikel und Übersichtsartikel mitberücksichtigt, um in diesem kurzen „Literature Review“ dennoch einen Überblick in der Breite zu erhalten. Dies bedingte jedoch, dass in die Tiefen des Forschungsgebiets nicht vollständig eingetaucht werden konnte. Diese kurze Literaturarbeit soll die Basis darstellen, um bei einer ausführlichen und umfassenden Literature Review in die Tiefe zu gehen.

Übersicht über die ausgewählten Artikel: 

Übersicht über die ausgewählten Artikel

Um der Definitionsproblematik zu entgehen, wird im vorliegenden Literature Review unter Journalismus der Kommunikationsprozess wischen Kommunikator (Journalist) und Publikum über ein Medium verstanden.[5]

Im 3. Teil des Literature Review wird mit dem ersten Artikel über Network Journalism von Bardel und Deuze gestartet.

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[1] Vgl. Blöbaum, 2005, S. 48 – 56.

[2] Vgl. Blöbaum, 2005, S. 51.

[3] Vgl. Blöbaum, 2005, S. 54.

[4] Vgl. Blöbaum, 2005, S. 56.

[5] Mast, 2004, S. 50.