Archive für Medienbranche

In der aktuellen Ausgabe des deutschen Magazins «Medium – Magazin für Journalisten» hat Paulin Tillmann einen spannenden Artikel zu den «Innovationstreibern im Publishing» verfasst. Die Digitalisierung schafft nicht nur Disruption, sondern auch neue Rollen. Darunter: Innovationsmanager, die den Wandel und die Kreativität vorantreiben sollen. Der Fokus der Artikels liegt auf Deutschland. Doch wie machen es die Nachbarn in der Schweiz? Neben Michael Marti von Tamedia wurde ich in meiner Rolle als Head of Product und Development bei der Blick-Gruppe erwähnt.

Den kompletten Artikel findet ihr anbei oder hier als PDF-Link: Innovationstreiber

Advertisements

Immer wieder wird mir von Branchenfremden folgende Frage gestellt: Wieso lässt man Printzeitungen nicht sterben? Wieso müssen digitale Newsportale Printzeitungen quersubventionieren? 

Auf diese Frage habe ich nun dank Matthias Ackeret, dem neuen Verleger von „persönlich“, eine passende Antwort gefunden. Obschon ich als Digital Native eher in der digitalen Welt Zuhause bin, muss bzw. kann ich seinen folgenden Ausführungen grösstenteils zustimmen.

„Es gibt wohl keine andere Branche als die Medienbranche, die mit einer solch sadomasochistischen Lust ihren baldigen Untergang zelebriert wie die unsrige. Bei gewissen Vorträgen und Branchentagungen wähnt man sich auf der Titanic. Aber erst fünf Minuten nachdem sie untergegangen ist. Aber einmal anders gefragt: Wie viele Zeitungen haben in der Schweiz in den letzten Jahren ihr Erscheinen eingestellt? Natürlich wurde umstrukturiert, abgebaut, optimiert. Natürlich wurde auch zusammengelegt und vor allem gespart. Der Glanz der goldenen Zeiten ist ermattet. Dass Peter Wanner das Badener Tagblatt wieder aufleben lässt, stimmt optimistisch. Auch wenn es sich um kleine Summen handelt, ist dieses Projekt höchstwahrscheinlich lukrativer als die Lancierung eines neuen Internetbrands.

Tatsache ist doch, dass die meisten Schweizer Verlagshäuser momentan ihr Geld immer noch mit dem Print verdienen. Aber trotzdem: Hat man je vom Metzgerverband gehört, dass dieser aufgrund der steigenden Anzahl von Veganern und Vegetarier auf Schlachthöfe verzichten will?

Unsere Branche handelt oftmals aus der Defensive. Aus Angst vor dem Tod sehen viele Verlagshäuser ihre Rettung im Selbstmord. 

Was viele Verlagshäuser momentan betreiben, ist umgekehrter Darwinismus. Die Jungen fressen ihre Eltern, die Ihnen den Lebensunterhalt garantieren. Aber das kann es nicht sein! 

Aber solange Print noch ein geldbringendes Business ist, soll man es nicht ohne Not aufgeben.“

Matthias Ackeret

Zuerst: Ich bin ein Fan der Kultur „Bring your own Device“. Sowohl in meiner Zeit als Unternehmensberater konnte ich jeweils alle zwei Jahre ein neues Notebook, Smartphone und Tablet über meine geschäftliche Kreditkarte beziehen als auch während meiner NGO-Zeit hatte ich Anrecht auf eine jährliche Pauschale für meine selbstmitgebrachten technischen Gadgets. Die einzige Bedingung war jeweils: Sämtliche Dokumente sind in der Cloud. Denn das Wertvolle waren jeweils die Daten und nicht die Maschinen. Anders nun in der Medienbranche. Das Wertvolle sind die Maschinen. Beispielsweise klotzt Tamedia laut einem Interview mit Hansi Voigt mit exzellenten Laptops, für welche monatlich 540 CHF bzw. jährlich 6’480 CHF verrechnet werden. Naja, diese Laptops sind teuer, jedoch sind auch sämtliche SchnickSchnack-Softwares & IT-Support inklusive. Tablets werden grundsätzlich nicht bezahlt, auch wenn man in einzelnen Funktionen zwingend einen besitzen muss, weil es vom Vorgesetzten immer mal wieder heisst: Schau dir diese und jene Applications auf deinem Tablet an. So weit, so gut. Alles mehr oder weniger in Ordnung. Damit kann man leben.

Doch heute Abend hat mir ein Mitarbeiter eines erfolgreichen Medienunternehmens in der Schweiz mir doch tatsächlich folgende Geschichte erzählt. Der enorme Spardruck sei nun so gross, dass man nun aktiv freiwillige Mitarbeitende sucht, welche auf einen geschäftlichen Computer verzichten. Man solle doch einfach private Laptops ins Büro mitnehmen, weil die einerseits sowieso besser seien als die vom Unternehmen zur Verfügung gestellten Maschinen und andererseits natürlich fürs Unternehmen nichts kosten und somit ca. 6’500 CHF jährlich pro Arbeitsplatz eingespart werden kann. Selbstverständlich werden die privaten Laptops nicht entschädigt bzw. es benötigt meistens noch private Investitionen in Software, damit diese privaten Computer mit dem Firmen-Netzwerk kompatibel sind.

Mein Kommentar: Gats no! Ich selbst würde mich als überdurchschnittlich sparsam mit geschäftlichen Ressourcen einschätzen. So fahre ich seit 2013 freiwillig jeweils in der 2. Klasse Zug, versuche wenn möglichst keine Spesen zu verursachen und meine Kollegen wissen, dass ich mich jemals am iPhone äussert kurz halte, um jeden möglichen Rappen an geschäftlichen Telefonkosten einzusparen. Doch wenn mein Arbeitgeber mir zwingend benötigtes Arbeitsmaterial wegnehmen würde, könnte ich das auf keinen Fall akzeptieren. Es stellt sich die Frage: Wo führt das noch hin? Heisst es bald: Bring your own WC-Papier?

byod

Genau heute ist mein 500. Tag im Medienbusiness. Am 01. Januar 2012 bin ich als Projektleiter Unternehmensentwicklung bei Tamedia gestartet. In dieser Zeit konnte ich von sehr vielen spannenden Menschen unglaublich viel lernen. Und werde natürlich auch in Zukunft noch viel lernen dürfen. Nach 500 Tagen habe ich das Gefühl, dass ich die sechs strategischen Erfolgsfaktoren für Medienhäuser identifiziert habe. Ich bin mir bewusst, dass das zu meinen früheren Zeiten als Unternehmensberater bei walkerproject ag schneller gehen musste. So haben wir damals in ca. 6 Monaten für Kunden eine komplette Strategie erarbeitet mit Strategischer Positionierung, Mission / Vision / Werte, Strategische Erfolgsfaktoren und strategische Absicht. Aber was länger reift, wird hoffentlich auch besser.

Ich freue mich, euch an dieser Stelle meine sechs strategischen Erfolgsfaktoren für Medienhäuser im Allgemeinen vorzustellen. Sie stellen meine persönliche Meinung dar.

1. Strategischer Erfolgsfaktor: Balance zwischen Effizienz (Print) und Flexibilität & Innovation (Digital)

  • Im Printgeschäft ist das Thema „Effizienz“ sehr wichtig, im Digitalbereich hingegen sind Faktoren wie Flexibilität, Offenheit und Spielraum für Innovationen wichtig.
  • Mit einer optimalen Organisationsstruktur, welche das traditionelle Printgeschäft festigt und den Digitalbereich fördert, gelingt diese Gratwanderung.
  • Ein Ungleichgewicht zwischen Effizienz und Flexibilität/Innovation schadet der langfristigen Entwicklung.

2. Strategischer Erfolgsfaktor: Gewinnung der besten Mitarbeitenden und deren langfristige Bindung ans Unternehmen

  • Die Mitarbeiterstruktur von Medienunternehmen wird sich durch die Digitalisierung langfristig stark verändern. Mehr Entwickler, Web Designer, Datenspezialisten oder Enterpreneurs werden benötigt.
  • Die neue Generation von jungen Mitarbeitenden (Generation Y,  Digital Natives, etc.) wollen in ihrer Arbeit einen Sinn finden und ihre Ideen auch umsetzen können. Diese gut ausgebildete Generation ist auf dem Arbeitsmarkt gefragt und kann sich ihren Arbeitgeber aussuchen.
  • Mitarbeitende in der Medienbranche verfügen häufig über eine grossen Leidenschaft für die Branche. Es muss versucht werden, dass diese Leidenschaft ihnen auf keinen Fall weggenommen wird. Eine Wertschätzung für die Extra-Meile wäre sicherlich kein Demotivationsfaktor.

3. Strategischer Erfolgsfaktor: Etablierung einer Innovationskultur

  • Die Medienwelt verändert sich sehr schnell. Innovationen werden zu einem zentralen Wettbewerbsvorteil.
  • Sowohl interne als auch externe Innovationen müssen vorangetrieben werden.
  • Innerhalb der Medienunternehmen soll eine Innovationskultur etabliert werden. Sie bedingt auch Freiräume für Mitarbeitende, eine Offenheit für externe Partner und ein stetiger Austausch über verschiedene Hierarchien und Bereiche.

4. Strategischer Erfolgsfaktor: Klare Strategie für den Digitalbereich

  • Das Digitalgeschäft wird weiterhin stark wachsen. Obschon niemand weiss, welches Start-up das neue Facebook wird, ist es wichtig, eine klar kommunizierte Beteiligungsstrategie zu formulieren.
  • Um potenzielle Startup-Unternehmen frühzeitig aufzuspüren, müssen die Suchfelder klar definiert werden und eine gezielte Suche nach potenziellen Targets ist nötig.
  • Interne Vernetzung zwischen den einzelnen Produkten ist im Digitalbereich entscheidend, um Integrationen und Traffic-Kooperationen rasch umsetzen zu können

5. Strategischer Erfolgsfaktor: Know-how im Thema „Big Data“

  • Die Kundendaten werden in Zukunft zum wertvollsten Gut, welches sich monetisieren lässt
  • Medienunternehmen sollten Kundendaten erfassen, strukturieren, bewerten und Rückschlüsse auf das künftige Nutzerverhalten ziehen können
  • Das Thema „Big Data“ benötigt erhebliche Investitionen in eine gemeinsame technologische Plattform für sämtliche Produkte

6. Strategischer Erfolgsfaktor: Weiterentwicklung der Management-Methoden und Instrumente zu „Management 2.0“

  • Die heute in vielen Branchen immer noch eingesetzten Management-Methoden und Instrumenten wurden vor ca. 100 Jahren erfunden, um die damaligen Problemstellungen zu lösen.
  • Die Herausforderungen der heutigen Medienbranche benötigen neue Ansätze – ein „Management 2.0“.
  • Die Benchmarking-Methode (= „Management 1.0“) wird meines Erachtens zu häufig falsch eingesetzt bzw. auf die intellektuelle Herausforderung der Interpretation und Schlussfolgerungen wird oftmals verzichtet. Die Zukunft kann man definitiv nicht mit der Benchmarking-Methode kreieren.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei allen meinen „Arbeitsgschpänli“ für meine steile Lernkurve bedanken. Danke. Merci. Thanks. Ich bin gespannt, wie ich mich nach 1000 Tagen im Medienzirkus über meine hier aufgestellten Erfolgfaktoren lustig machen kann. Es wird spannend bleiben.

Medien